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Title: Wissenschaftlicher Workflow mit dem BOOX Note Air 3 C Slug: boox-note-scientific-workflow Category: work Tags: wissenschaftlicher workflow, kollaboration, literaturverwaltung Date: 2024-01-26 Lang: de Status: published
Vor Kurzem habe ich mir einen ONYX BOOX Note Air 3 C zugelegt, um meinen wissenschaftlichen Workflow zu unterstützen. Ende letzten Jahres wurde mir klar, warum ich in meiner wissenschaftlichen Laufbahn nicht so recht vorankam. Ehrlich gesagt war mir ein Hauptgrund durchaus bewusst: mir fehlte die Selbstdisziplin, die für meine Forschung nötigen Quellen zu lesen. Den eigentlichen Grund dafür kannte ich aber erst seit letztem Jahr. Es stellte sich heraus, dass die meisten Quellen in digitaler Form vorlagen und ich mich einfach nicht dazu durchringen konnte, sie am Computerbildschirm zu lesen. Ein Tablet oder Smartphone waren ebenfalls keine echte Alternative, da mich die Displays einfach zu schnell ermüden.
Ein E-Book-Reader war eine mögliche Lösung. Ein Kollege arbeitet schon seit einiger Zeit mit einem Remarkable 2, was ich ebenfalls sehr interessant fand. Das Leseerlebnis mit diesem Gerät war allerdings nicht gut. Nach einiger Recherche habe ich mich für einen Boox Note Air 3 C entschieden, der mir sowohl bei der Lese- als auch bei der Notizfunktion am vielversprechendsten erschien. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob ich mit dem Gerät einen sinnvollen Workflow für wissenschaftliches Arbeiten in meinem Arbeitsalltag etablieren könnte.
Nach ein paar Wochen Nutzung kann ich sagen: Der Note Air 3 C erfüllt meine Erwartungen voll und ganz. Meine Hauptanwendungsfälle bisher waren das Lesen von Lehrbüchern inklusive direkter Annotation im PDF sowie allgemeine Notizen. In den ersten Tagen habe ich natürlich versucht, mich mit den Bordmitteln des Geräts vertraut zu machen. Ich habe probiert, mit Hilfe der BOOX-Cloud und der BOOXDrop-Funktion einen brauchbaren Workflow aufzubauen. Das erwies sich jedoch als ziemlich unübersichtlich – vor allem, weil mein primäres Betriebssystem Linux ist und die Synchronisationstools nur für Windows und macOS verfügbar sind. Ich musste daher jeden Synchronisationsvorgang über den Webbrowser abwickeln.
Und obwohl es Tools wie Marcin Juszkiewiczs onyx-send2boox gibt, wollte ich von vornherein nicht alle meine Daten durch die Cloud des Herstellers schicken. Cloud und Backup dorthin habe ich zwar noch aktiviert, mein täglicher Workflow nutzt sie aber nicht mehr.
Stattdessen habe ich mittlerweile einen Workflow etabliert, der größtenteils auf selbstgehosteten Diensten und Open-Source-Anwendungen beruht.
Websurfen
Ich nutze seit jeher Firefox als Webbrowser auf all meinen Rechnern, und auch auf meinem Android-Smartphone war Firefox stets der Standardbrowser. Vor Kurzem bin ich auf ein iPhone umgestiegen, aber auch dafür gibt es ein mobiles Firefox für iOS (leider ohne Add-on-Unterstützung).
Es lag also nahe, Firefox auch auf dem Note Air 3 C zu installieren – vor allem, um Add-ons nutzen zu können, allen voran uBlock Origin, um unnötige und im schlimmsten Fall animierte Werbung (die bei einem E-Ink-Gerät besonders auf den Akku geht) zu blockieren. Da ich Firefox auf allen Geräten einsetze, kann ich Tabs beliebig zwischen den Geräten verschieben, solange die Installation mit meinem Mozilla-Konto verknüpft ist. Natürlich nutze ich auch hier einen Cloud-Dienst, aber die seit Jahren ausgereifte Mozilla-Cloud erscheint mir deutlich vertrauenswürdiger als die eines chinesischen Hardwareherstellers. Und der zusätzliche Komfort, nicht nur Tabs, sondern auch Lesezeichen und Verlauf zu synchronisieren, ist einfach zu praktisch, um darauf zu verzichten.
Lesezeichen (Read-it-later)
Lesezeichen im klassischen Sinne, also die Bookmarks im Webbrowser, habe ich immer nur für häufig besuchte Websites genutzt. Kurzfristige Merkzettel habe ich nie über Browser-Lesezeichen verwaltet – dafür waren für mich schon immer Read-it-later-Apps und -Dienste zuständig.
Auch wenn mit Pocket seit einiger Zeit ein Read-it-later-Dienst in Firefox integriert ist, habe ich diesen nie genutzt. Stattdessen betreibe ich schon länger eine eigene Wallabag-Instanz. Dazu gibt es nicht viel zu sagen – es funktioniert einfach.
Die Wallabag-App läuft auf dem Note Air 3 C reibungslos und erlaubt mir, jederzeit auf meine Read-it-later-Lesezeichen auf diesem Gerät zuzugreifen. Einträge werden über die Android-Freigabefunktion hinzugefügt, sodass sich Lesezeichen auch direkt aus dem Webbrowser heraus anlegen lassen.
wallabag app auf dem BOOX Note Air 3 C
Literaturverwaltung
Da ich sowohl persönlich als auch in unserer Arbeitsgruppe eine gemeinsame Bibliothek über Zotero betreibe, lag es nahe, dieses auch auf dem Note Air 3 C einzusetzen. Im Play Store gibt es leider keine auf dem Gerät funktionierende Zotero-App – zumindest nicht die ganze Geschichte.
Zum einen gibt es inzwischen eine offizielle Zotero-App im Beta-Stadium, die auf dem Gerät funktioniert, zum anderen läuft auch die aktuell deutlich bessere App Zoo for Zotero. Mit der Einschränkung, dass Letztere nicht über den Play Store installiert werden kann. Eine direkte Installation per APK (die man aus einschlägigen Quellen beziehen kann) funktioniert bei mir aber bislang problemlos. Zu bedenken ist außerdem, dass das letzte Update der App aus August 2021 stammt – das Fehlen automatischer Updates über den Play Store ist also ein eher geringes Risiko. Trotzdem sollte man die Entwicklung bei direkten APK-Installationen im Auge behalten und bei Bedarf manuell aktualisieren.
Zoo for Zotero App auf dem BOOX Note Air 3 C
Die Zotero-Bibliotheken (sowohl meine persönliche als auch die Gruppenbibliothek) enthalten nicht nur wissenschaftliche Publikationen zur jeweiligen Forschung, sondern auch sonstige Fachliteratur wie Lehrbücher sowie Links zu relevanten Websites und Blogbeiträgen.
Damit ist Zotero für mich mittlerweile die Standardmethode zur Synchronisation von E-Books geworden. Ich lege für ein neues E-Book einfach einen Eintrag in Zotero anhand der ISBN an und hänge die Datei an den Eintrag an. Auf dem Note Air 3 C kann ich das E-Book (oder auch jedes wissenschaftliche Paper) direkt über die Zoo for Zotero App synchronisieren. PDFs und auch EPUBs werden direkt in der BOOX-Neo-Reader-App geöffnet, sodass Annotationen von Haus aus möglich sind.
Der einzige Nachteil: Die annotierten Dateien werden natürlich nicht direkt zurück nach Zotero synchronisiert. Bei der Gruppenbibliothek ist das andererseits vielleicht auch gar nicht so schlecht – schließlich möchten nicht alle Kolleg:innen meine Annotationen in ihrer Bibliothek haben.
Zwischenablage teilen
Gelegentlich brauche ich auch eine schnelle Möglichkeit, die Zwischenablage vom Rechner auf den Note Air 3 C zu übertragen oder umgekehrt. Da ich, wie oben erwähnt, auf allen Rechnern Linux-Desktopsysteme einsetze, ist KDE Connect meiner Meinung nach die beste Option. Es bietet nicht nur das Teilen der Zwischenablage, sondern auch Funktionen wie das Teilen von Benachrichtigungen oder Remote-Eingaben.
Auch wenn es KDE Connect heißt, ist es dank der GSConnect-Erweiterung ebenso mit GNOME-Desktops kompatibel.
KI-Unterstützung
Auch wenn es auf dem E-Ink-Display wegen der stark animierten Live-Ausgabe nicht besonders gut aussieht, lässt sich die offizielle ChatGPT-App nutzen. Ich greife allerdings nur darauf zurück, wenn ich wirklich kein anderes Gerät zur Hand habe – was praktisch nie vorkommt, da ich immer mindestens ein Smartphone in der Nähe habe. Und trotz des kleineren Displays ist die Usability dort deutlich besser.
ChatGPT App auf dem BOOX Note Air 3 C
Kollaboration
Da wir in unserer Arbeitsgruppe Jira und Confluence als Kollaborationstools einsetzen, nutze ich auch hier die offiziellen Apps für Jira Data Center und Confluence Data Center. Auch hier gilt: Ich nutze die Apps nur, wenn kein anderes Gerät zur Hand ist. Ich kann daher lediglich sagen, dass sie funktionieren und einfach zu bedienen sind, eine tiefergehende Nutzungsanalyse habe ich aber nicht durchgeführt.
Wie in den vorangegangenen Absätzen vielleicht schon deutlich wurde, nutze ich den Note Air 3 C nicht wirklich als Tablet im klassischen Sinne. Trotzdem muss ich gelegentlich eine E-Mail auf dem Tablet öffnen. Ich denke, dass grundsätzlich jeder Standard-Mail-Client auf dem Gerät funktionieren sollte, der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass Marcel Bokhorsts großartiger Open-Source-Mail-Client FairEmail auf dem Gerät hervorragend läuft.
Kalender (und Kontakte)
Kalenderzugriff (und -synchronisation) ist eine weitere Funktion, die ich nicht ständig brauche. Aber es ist hin und wieder nützlich, meinen Kalender auch auf dem Note Air 3 C einsehen zu können. Da ich meinen Kalender (auch auf anderen Geräten) über CalDAV synchronisiere (und meine Kontakte über CardDAV), nutze ich dafür einfach DAVx⁵ auf dem Gerät.
Da das Gerät standardmäßig keine Kalender- oder Kontakte-App mitbringt, müssen diese nachträglich installiert werden. Ich bin seit Jahren großer Fan der Apps Simple Calendar und Simple Contacts. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich immer die Pro-Versionen nutze – es kann also sein, dass der kostenlosen Version Funktionen fehlen oder sie andere Nachteile hat.
Onleihe
Auch die Onleihe-App habe ich auf dem BOOX Note Air 3 C ausprobiert. Auf dem E-Ink-Display wirkt sie durch die vielen Farbelemente recht unruhig; selbst mit dem dunklen Farbschema bleiben etwa die grünen Flächen (siehe Screenshot) uneinheitlich, da das dabei verwendete Schwarz keine gleichmäßige Fläche ergibt. Zum gemütlichen Stöbern lädt das nicht gerade ein, für die schnelle Ausleihe eines E-Books oder E-Magazins reicht es aber allemal.
Onleihe auf dem BOOX Note Air 3 C
Auch das Lesen digitaler Tageszeitungen über die Onleihe-App funktioniert recht gut, wobei man wegen der Spaltenzahl entsprechend stark zoomen muss.
Zeitungslektüre über die Onleihe App auf dem BOOX Note Air 3 C
Alternativer App-Store
F-Droid lässt sich auf dem Note Air 3 C installieren – nicht nur als Alternative zum Play Store, sondern auch um Open-Source-Apps installieren zu können, die möglicherweise nicht für das Gerät im Play Store freigegeben sind. Das ermöglicht zudem die Installation kostenloser Builds mancher Apps, die den vollen Funktionsumfang bieten, der sonst nur per Pro-Upgrade verfügbar wäre.