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# HowTo: Der FHIR `date`-Suchparameter Präfixe, Intervalle und Kombinationen richtig verstehen
Wer FHIR-Server baut oder abfragt, stolpert früher oder später über den
`date`-Suchparameter. Auf den ersten Blick sieht er simpel aus
`?date=2023-06-15` aber sobald Präfixe wie `ge`, `sa` oder `ap` ins Spiel
kommen und mehrere `date`-Parameter kombiniert werden, wird es schnell
unübersichtlich. Dieser Artikel bringt Ordnung rein: Schritt für Schritt, mit
Zeitleisten-Grafiken zu jedem Fall.
---
## 1. Das Grundprinzip: FHIR vergleicht Intervalle, keine Zeitpunkte
Der wichtigste gedankliche Reset zuerst: FHIR behandelt Datumswerte nie als
exakten Zeitpunkt, sondern immer als **Intervall**. Wie breit dieses Intervall
ist, hängt von der Precision des angegebenen Werts ab:
- `2023` → das ganze Jahr 2023
- `2023-06` → der ganze Juni 2023
- `2023-06-15` → der ganze 15. Juni 2023 (00:0024:00 Uhr)
- `2023-06-15T10:00:00` → (fast) ein exakter Zeitpunkt
Jeder Vergleichsoperator vergleicht anschließend **zwei Intervalle**
miteinander: das Such-Intervall aus deinem Query-Parameter und das
Resource-Intervall aus dem Feld der Ressource (z. B. `Patient.birthDate` oder
`Encounter.period`).
### Ohne Präfix = `eq`, aber die Precision entscheidet mit
Gibst du kein Präfix an, nimmt der Server `eq` an. Das Resource-Datum muss
dann **vollständig** innerhalb deines Such-Intervalls liegen. Je gröber die
Precision, desto breiter das Intervall und desto mehr Resource-Werte passen
hinein:
![Datum ohne Präfix](fhir-date-ohne-praefix.svg)
`date=2023-06-15` matched nur diesen einen Tag. `date=2023-06` matched dagegen
jeden Tag im Juni auch den 15. Das ist der häufigste Stolperstein für
Einsteiger: eine „ungenaue" Suchanfrage ist nicht strenger, sondern lockerer.
---
## 2. Die neun Präfixe im Überblick
FHIR definiert insgesamt neun Präfixe für `date`. Jeder davon beschreibt eine
andere Beziehung zwischen Such-Intervall (rot gestrichelt in der Grafik) und
Treffer-Bereich (grün/farbig schattiert):
![Alle Präfixe](fhir-date-alle-praefixe.svg)
| Präfix | Name | Bedeutung |
|---|---|---|
| `eq` | gleich | Resource-Intervall liegt vollständig im Such-Intervall |
| `ne` | ungleich | Komplement von `eq` |
| `gt` | größer als | Resource-Intervall **ragt über** das Ende des Such-Intervalls hinaus |
| `lt` | kleiner als | Resource-Intervall **beginnt vor** dem Anfang des Such-Intervalls |
| `ge` | größer/gleich | `gt` **oder** vollständig im Such-Intervall enthalten (`eq`) |
| `le` | kleiner/gleich | `lt` **oder** vollständig im Such-Intervall enthalten (`eq`) |
| `sa` | starts after | Beginnt vollständig **nach** dem Ende des Such-Intervalls, keine Überlappung |
| `eb` | ends before | Endet vollständig **vor** dem Beginn des Such-Intervalls, keine Überlappung |
| `ap` | approximately | Überlappung, plus ähnliche Größenordnung der Intervalle |
**Wichtig — Containment vs. Overlap:** Nur `eq` (und implizit `sa`/`eb`)
verlangen, dass das Resource-Intervall **vollständig** innerhalb bzw.
**vollständig getrennt** vom Such-Intervall liegt. Bei `gt`, `lt`, `ge`
und `le` reicht dagegen eine **Überlappung** — das Resource-Intervall muss
nicht komplett außerhalb des Suchbereichs liegen, es genügt, dass es über
die jeweilige Grenze hinausragt. Details dazu im nächsten Abschnitt.
---
## 3. Sonderfall: Matching gegen `Period` und `Range`
Die Grafiken oben zeigen das Resource-Datum als schmalen roten Marker das
passt für einfache `date`/`dateTime`-Felder wie `Patient.birthDate`. Sobald
das Zielfeld selbst ein **Intervall** ist (`Period`, z. B.
`Encounter.period`, `Condition.onsetPeriod`, oder `Range`), wird die
Unterscheidung zwischen **Containment** (vollständiges Enthaltensein) und
**Overlap** (bloße Überlappung) entscheidend:
- **`eq`** verlangt Containment: das gesamte Resource-Intervall muss im
Such-Intervall liegen.
- **`gt` / `lt` / `ge` / `le`** verlangen nur Overlap: es reicht, wenn das
Resource-Intervall über die jeweilige Grenze hinausragt auch wenn ein
Teil davon auf der "falschen" Seite liegt.
- **`sa` / `eb`** verlangen das Gegenteil von Overlap: das Resource-Intervall
muss vollständig und ohne jede Überlappung auf der jeweiligen Seite liegen.
**Beispiel:** Ein Encounter läuft vom 10. bis 20. Juni. Die Suche
`date=gt2023-06-15` soll ihn finden, obwohl der Encounter *vor* dem 15.
begonnen hat — entscheidend ist nur, dass er über den 15. hinausreicht
(Overlap mit dem Bereich "nach dem 15."). Bei `date=sa2023-06-15` würde
derselbe Encounter dagegen **nicht** matchen, weil er nicht vollständig nach
dem 15. liegt — genau das ist der praktische Unterschied zwischen `gt` und
`sa`.
Die folgende Grafik macht das für alle vier "einseitigen" Präfixe (`gt`,
`sa`, `lt`, `eb`) an denselben drei Beispiel-Periods sichtbar — einer
Period komplett davor, einer, die die Suchgrenze überlappt, und einer
komplett danach:
![Period/Range Matching](fhir-date-period-range-matching.svg)
Man sieht deutlich: `gt` und `lt` (blau schattierter Bereich, durchgezogene
Grenzlinie) lassen die überlappende Period B als Treffer durch, während `sa`
und `eb` (gestrichelte Grenzlinie) sie ablehnen — nur eine Period, die
komplett auf der richtigen Seite liegt, zählt dort.
| Encounter-Zeitraum | `date=gt2023-06-15` | `date=sa2023-06-15` |
|---|---|---|
| 10.20. Juni (überlappt die Grenze) | ✅ Treffer (Overlap) | ❌ kein Treffer (nicht vollständig danach) |
| 16.20. Juni (komplett danach) | ✅ Treffer | ✅ Treffer |
| 01.10. Juni (komplett davor) | ❌ kein Treffer | ❌ kein Treffer |
### Offene (unvollständige) Periods
In der Praxis sind Periods oft **nicht abgeschlossen** — z. B. ein laufender
Encounter ohne `end`, oder ein importierter Datensatz mit unbekanntem
`start`. Der FHIR-Standard regelt das eindeutig:
> Ein fehlender unterer Rand (`start`) gilt implizit als **kleiner als jedes
> reale Datum** (also `-∞`). Ein fehlender oberer Rand (`end`) gilt implizit
> als **größer als jedes reale Datum** (also `+∞`).
Das hat spürbare Konsequenzen, gerade für `sa` und `eb`:
- Ein laufender Encounter (`start` gesetzt, `end` fehlt → `end = +∞`)
kann **niemals** `eb` (ends before) matchen — sein Ende liegt ja nie vor
irgendeinem endlichen Datum. Er matcht aber sehr wohl `gt`, weil sein
(unendliches) Ende immer über jede Suchgrenze hinausragt.
- Ein Encounter mit unbekanntem Start (`start` fehlt → `start = -∞`) kann
**niemals** `sa` (starts after) matchen — sein Beginn liegt ja nie nach
irgendeinem endlichen Datum. Er matcht aber `lt`, weil sein (unendlicher)
Anfang immer vor jede Suchgrenze hineinreicht.
- Eine Period ganz ohne `start` und `end` überlappt praktisch **jeden**
overlap-basierten Filter (`gt`, `lt`, `ge`, `le`) — sie „reicht" ja per
Definition über jede Grenze hinaus.
Dieselben vier Präfixe wie oben, jetzt mit offenen statt geschlossenen
Periods:
![Offene Periods Matching](fhir-date-offene-periods.svg)
**Praktische Konsequenz:** Wenn du „laufende" Ressourcen (z. B. aktive
Encounter, offene Verordnungen) gezielt aus einer Zeitraumsuche ausschließen
willst, reicht `eb`/`sa` allein nicht — du musst zusätzlich nach dem Status
oder explizit nach `end:missing=true`/`start:missing=true` filtern, je
nachdem, was dein Server unterstützt.
Bei einem einfachen Zeitpunkt-Feld (kein `Period`) fällt dieser Unterschied
praktisch nicht auf, da Resource-Start und -Ende (fast) identisch sind — dort
verhalten sich `gt` und `sa` de facto gleich. Der Unterschied wird erst bei
echten Zeitspannen relevant. Das ist auch der Grund, warum `sa`/`eb`
laut Spezifikation in erster Linie für `Period`/`Range`-Werte gedacht sind.
---
## 4. Mehrere `date`-Parameter kombinieren
In der Praxis reicht ein einzelner Präfix selten meist willst du einen
**Bereich** definieren. FHIR-Server verknüpfen mehrere `date`-Parameter in
derselben Query immer per **UND**. Vier typische Muster:
![Kombinationen](fhir-date-kombinationen.svg)
| Kombination | Beispiel | Charakter |
|---|---|---|
| `ge` + `le` | `ge2023-01-01&le2023-12-31` | Geschlossenes Intervall (beide Grenzen inklusive) |
| `gt` + `lt` | `gt2023-01-01&lt2023-12-31` | Offenes Intervall (beide Grenzen exklusive) |
| `sa` + `eb` | `sa2023-01-01&eb2023-12-31` | Strikt getrennter Bereich, primär für Period-Werte |
| `ge` + `lt` | `ge2023-06-01&lt2023-07-01` | Halboffenes Intervall `[start, ende)` Standardmuster für „genau ein Monat" |
Wenn du in Timestamp-lastigen ETL-Pipelines mit `[start, ende)` arbeitest,
kommt dir `ge` + `lt` bekannt vor es ist exakt dasselbe Muster wie bei
klassischen Zeitfenster-Queries in SQL.
---
## 5. Die vollständige 3×3-Matrix aller Bereichs-Kombinationen
Die vier Muster oben sind nur die gebräuchlichsten. Tatsächlich lässt sich
**jede** Untergrenze mit **jeder** Obergrenze kombinieren:
- Untergrenzen: `ge`, `gt`, `sa`
- Obergrenzen: `le`, `lt`, `eb`
Das ergibt 3 × 3 = **9 mögliche Kombinationen**, alle spec-konform:
![3x3 Matrix](fhir-date-matrix-3x3.svg)
Sie unterscheiden sich nur darin, ob die jeweilige Grenze inklusiv
(durchgezogene Linie) oder exklusiv (gestrichelte Linie) ist, und ob es sich
um einen einfachen Werte-Vergleich (`ge`/`gt`/`le`/`lt`) oder einen strengen
Period-Vergleich (`sa`/`eb`) handelt. Es gibt **keine explizite
Ausschluss-Regel** im FHIR-Standard jede Zelle dieser Matrix ist eine
gültige, funktionierende Query.
---
## 6. Sonderfälle: Wenn Kombinationen redundant oder widersprüchlich werden
Nicht jede syntaktisch gültige Kombination ist auch praktisch sinnvoll. Drei
Kategorien solltest du kennen, bevor du sie versehentlich in einer
generierten Query landen lässt:
![Sonderfälle](fhir-date-sonderfaelle.svg)
### a) Redundante Kombinationen
Ändern nichts am Ergebnis, sind aber technisch kein Fehler:
- `eq` + eine Grenze, die vom `eq`-Intervall ohnehin erfüllt wird
(`eq2023-06-15&ge2020-01-01`) die Zusatzbedingung ist überflüssig.
- Zwei Bedingungen desselben Richtungstyps
(`ge2020-01-01&ge2023-01-01`) nur die strengere (spätere) Untergrenze
wirkt effektiv.
### b) Kombinationen mit garantiert leerem Ergebnis
Strukturell unmöglich zu erfüllen:
- `eq` + `ne` auf denselben Wert (`eq2023-06-15&ne2023-06-15`)
sich gegenseitig ausschließende Bedingungen.
- Untergrenze liegt zeitlich nach der Obergrenze
(`ge2023-06-01&le2023-01-01`) kein Datum erfüllt beides gleichzeitig.
Der Server wird solche Queries **syntaktisch akzeptieren** und einfach eine
leere Ergebnismenge zurückgeben kein Fehler, aber auch keine hilfreiche
Rückmeldung. Es lohnt sich, so etwas clientseitig vorab zu validieren.
### c) Ungewöhnliche, aber gültige Sonderfälle
- **Drei oder mehr `date`-Parameter**, z. B. ein Jahresbereich mit
ausgeschlossenem Einzeltag: `ge2023-01-01&le2023-12-31&ne2023-06-15`.
- **`ap` kombiniert mit einer Grenze**, z. B.
`ap2023-06-15&ge2023-01-01` selten genutzt, da `ap` selbst schon
unscharf ist und die Toleranzberechnung serverabhängig bleibt.
---
## 7. Praxis-Empfehlungen zum Schluss
- Für einfache Bereichsfilter ist **`ge` + `lt`** (halboffenes Intervall) meist
das robusteste Muster es vermeidet Rundungsprobleme an der
Precision-Grenze (kein Off-by-one bei „bis einschließlich 31.12.").
- **`sa`/`eb`** bewusst einsetzen, wenn du bei `Period`/`Range`-Feldern eine
*vollständige* Trennung brauchst (siehe Abschnitt 3) z. B. „Encounter
vollständig nach Entlassung X". Für einen simplen „ab Datum X"-Filter ist
meist `ge`/`gt` gemeint, nicht `sa`.
- Vor dem Absetzen einer Multi-Parameter-Query lohnt sich ein kurzer Check auf
logische Konsistenz zwischen Unter- und Obergrenze, um leere Ergebnisse
durch Konfigurationsfehler in der eigenen Pipeline zu vermeiden.
Mit diesen fünf Grafiken im Hinterkopf ohne Präfix, alle neun Präfixe
einzeln, typische Kombinationen, die volle 3×3-Matrix und die Sonderfälle
und dem Wissen um den Unterschied zwischen Containment und Overlap bei
`Period`/`Range`-Feldern sollte die nächste `date`-Query im
FHIR-Suchparameter kein Rätsel mehr sein.